Ab wann Igel reinnehmen?

  • Liebe Frau Phillipps, eine grundsätzlich Frage zu dieser Zeit: Ab welchem Gewicht sollte man jetzt die Igelkinder reinnehmen? Ich habe hier verschiedene Futterstellen, die er wohl finden wird. Ich sehe hier einen rumlaufen, den ich noch nicht gewogen habe. Grundsätzlich die Frage, ab welchem Gewicht bei Zufütterung draußen reinnehmen? Es ist nachts schon kalt, ich denke aber nicht, dass dies so bleiben wird, denn wir hatten schon oft im Herbst diese Kaltphasen. Und wenn man sie drin hat; bis wann darf man sie denn wieder raus setzen? Ich habe meine Igel bisher immer bis zum Frühjahr drin behalten. Danke im voraus und freundliche Grüße Birgit

  • Liebe Igelfreundin Birgit2019,


    grundsätzlich ist ein Igel in Not, wenn er verletzt, offensichtlich orientierungslos oder sichtbar krank ist - unabhängig vom Gewicht und von der Jahreszeit. Ein ernstes Alarmzeichen ist auch Tagaktivität, auch wenn der Igel augenscheinlich gut aussieht.


    Wir gehen auf Mitte Oktober zu - erfahrungsgemäß sind extreme Kaltphasen und Bodenfrost um diese Zeit nur kurzfristig. Da sich die ganze Welt im Klimawandel befindet, können wir uns jedoch nicht mehr so zuverlässig darauf verlassen, wir müssen mit allem rechnen u nd sind gut beraten, zuverlässige Wettervorhersagen ständig im Auge zu behalten, um zu planen, wie es mit einem Pflegeigel weitergeht. Aber man kann durchaus davon ausgehen, dass jetzt aufgenommene Igel durchaus in 3-4 Wochen noch ausgewildert werden können.


    Junge Igel sollten idealerweise um diese Zeit 350-400g auf die Waage bringen, hat ein Igel deutlich unter 300 g, kann es durchaus praktisch sein, das Tier kurzfristig - für 1-2 Wochen - ins Haus zu holen, damit er sich mehr Gewicht anfressen kann als draußen. Oft stellt man dann fest, dass der Kot nicht stimmig ist, so dass eine Entwurmung ansteht. Je nachdem, wie lange die Entwurmung dauert, sollte der Igel nach dem letzten Tag der Medikation noch 5-7 Tage in der Box verbleiben. Sind dann die Wetterprognosen so, dass mit einer frostfreien Woche zu rechnen ist, kommt der Igel an den Fundort zurück und gibt es schon vorbereitete Igelunterschlüpfe/Winterschlafnester, kann durchaus bis Ende November noch ausgesetzt werden - natürlich mit einer kurzfristigen Futterstelle, die bei Frostantritt eingestellt wird.


    Wenn man im Garten mehrere Igel an der Futterstelle sieht, ist meistens der kleinste Igel von allen derjenige, der eine Starthilfe braucht.


    Wenn es sich bei dem stacheligen Untermieter um ein Alttier handelt, sollte es gern annähernd 1000g wiegen, bevor man ihn wieder auswildert.


    Wenn noch Fragen sind, melden Sie sich gerne wieder.


    Mit freundlichen Grüßen


    Heike Philipps


    http://www.pro-igel.de

  • Liebe Frau Philipps. danke für die Antwort. Macht es Sinn, das umgekehrt zu machen, d.h. ihn draußen lassen und wenn er dann im November immer noch untergewichtig ist, ihn rein nehmen?

    Ihn im November wieder auszusetzen wenn schon teilweise Schnee ist, bringe ich kaum übers Herz. Denn ich habe gehört, dass Jungigel durch ihre Unerfahrenheit noch nicht Winternester bauen können und dann irgendwo unterkriechen, wo sie dann erfrieren. Und selbst wenn man ein vorbereitetes Nest hat: Es ist ja fraglich, ob er da bleibt oder gleich die Flucht ergreift. Ich habe hier zwei Igelhäuser, eines ist besetzt von einem der immer drin schläft und wohl auch im Winter drin schlafen wird. Das andere wird zum Zeitpunkt Ende November sicherlich auch besetzt sein. Also Ende November einen freien Schlafplatz zu finden, dürfte dann schwierig werden. Das sind so meine Bedenken und Unsicherheiten. Was meinen Sie? Liebe Grüße - Birgit

  • Liebe Igelfreundin Birgit,


    wenn man zu lange wartet, bis man einen Igel ins Haus holt, hat man das Problem, den Igel über den ganzen Winter betreuen zu müssen. Auch ist zu bedenken, dass es keinem Igel Spaß macht, in die Kiste zu wandern - das ist so, als wenn man Menschen in den Keller sperrt. Das ist nicht unbedingt die Lebensqualität, die ein Igel lebenswert findet, er ist ein Wildtier und zudem noch aus der Urzeit. Seit Jahrtausenden überstehen diese Tiere den Winter, sie wissen, wie sie Nester bauen müssen und dass sie im Herbst mehr fressen müssen, damit sie vorsorgen für die lange Zeit ohne Nahrung, ohne Wasser. Junge Igel sind nicht unerfahren - sie wissen es einfach, was sie zu tun haben. Nur irren sie natürlich herum wenn sie nichts finden, was man zum Nestbau verwenden könnte - die Menschen haben ihre Welt ganz schön in Unordnung gebracht und zudem noch dafür gesorgt, dass sie nicht mehr genügend natürliche Nahrung finden. Da kann zwar kurzfristig eine künstliche durch Menschen geschaffene Futterstelle helfen, aber die Inhaltsstoffe, wie sie in Käfern und Würmern stecken, kriegen Menschen auf Dauer nicht hin.


    Dazu kommt eben noch der Klimawandel mit seinen Wetterkapriolen, den zu warmen Wintern - es ist nicht einfach für Wildtiere, drinnen nicht und draußen auch nicht.


    Zum Aussetzen noch spät im Jahr: Ein Winterschlaf in Freiheit ist in jedem Fall für den Igel vorzuziehen. Weil eben Ende November schon alle Nester besetzt sind und kein Baumaterial mehr vorhanden ist, müssen die Menschen, die den Igel aussetzen für eine kleine Auswahl sorgen und diese anbieten. Ist der Aussetzplatz der Fundort, wird er eines der Angebote auch annehmen. Anders ist es natürlich, wenn er an einen fremden Platz kommt - dann würde ich tatsächlich auch bis zum Frühjahr warten oder abwägen, ob nicht doch am Fundort ausgewildert werden kann.


    Trauen Sie dem Igel ruhig ein bißchen mehr zu - Igel können mehr, als Menschen glauben. Sie müssen loslassen können, wir retten den Igelbestand nicht, wenn wir sie möglichst lange drinbehalten. Auch steht ja der Igel unter Naturschutz, das Gesetz erlaubt die Aufnahme des Igels nur, wenn er hilfsbedürftig ist. Auch muss der Igel, sobald er selbständig überlebensfähig ist, wieder der natur zurückgegeben werden (natürlich nur, wenn das Wetter es erlaubt).


    Wenn Sie zu lange damit warten, einen kleineren Igel ins Haus zu holen, kann es passieren, dass durch kältere Temperaturen die Tiere gar nicht mehr erscheinen, dann haben Sie keinen Zugriff mehr. Igel spüren schon einige Tage vor dem Kälteeinbruch, dass es kalt wird und dann kugeln sie sich ein. Das bedeutet auch, dass Sie die ganze Zeit draußen füttern müssen, was aber nichts bringt, weil die Tiere alles in Wärme aber wenig in Gewicht umsetzen.


    Besser ist, gleich zuzugreifen, ruckzuck Gewicht drauf, entwurmen, eine Woche warten und wenn es das Wetter erlaubt, nichts wie raus.


    Die Menschen sollten lieber die Lebensräume wieder so herstellen, wie es sich für Igel gehört.


    Liebe Grüße


    Heike Philipps


    http://www.pro-igel.de

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