„Grenzfall“ (425 g): Pflegen/füttern oder nicht?

  • Hallo Igelfreunde,

    ich bitte um Euren Ratschlag mit folgendem „Grenzfall“.


    Hintergrund: Wir haben ein Igelschlafhaus und ein Futterhaus in unserem Garten. Das Futterhaus hat die Besonderheit, dass wir hineinschauen und beobachten können, wie die Igel fressen, ohne sie zu stören. Wer sich dafür interessiert, wie das funktioniert, kann es in diesem Video sehen, das ich für die Nutzung im Freundeskreis gedreht habe.


    Während das Schlafhaus im vergangenen Jahr leer stand, wurde das Futterhaus im Frühjahr regelmäßig besucht von zwei Igeln, die man an ihrer Größe und Statur recht gut unterscheiden konnte. Im Sommer habe ich nur noch unregelmäßig gefüttert; irgendwann kam nur noch 1 Igel und ab Oktober blieb der auch weg. Für den Dreh des o.g. Videos habe ich Anfang Dezember nach längerer Zeit mal wieder Futter nachgefüllt, und zu meiner Überraschung war dies am nächsten Tag verschwunden. Ich habe erneut nachgefüllt, und da dies zwei Tage in Folge gefressen wurde, habe ich mich „auf die Lauer gelegt“. Am nächsten Abend konnte ich den Igel beim Fressen beobachten, und er kam mir sehr klein vor. Dass ein recht kleiner Igel Mitte Dezember noch täglich auf Futtersuche geht, hat mir etwas Sorge gemacht. Gestern habe ich mir den kleinen Kerl geschnappt (vorsichtig!), ihn angeschaut und gewogen.


    • Der Igel wiegt 425 g.
    • Er sieht äußerlich für mich als Laie – abgesehen von der geringen Größe – recht gesund aus, keine erkennbaren Verletzungen oder Krankheiten und kein übermäßiger Befall mit Außenparasiten. Auch wirkt er lebhaft.
    • Sein Kot sieht auch normal aus, kein Durchfall.
    • Zum Fressen kommt er bisher nur nachts, nicht tagsüber.
    • Ich lebe im Rheinland bei Düsseldorf, die Temperaturen sind entsprechend mild, Frost hatten wir bisher kaum, und die Tagestemperaturen gehen regelmäßig über +10°C. Also temperaturmäßig eher ein Spätherbst als ein echter Winter.


    Was soll ich tun?

    1) Igel in Pflege geben oder selbst aufpäppeln?

    2) Igel in der Natur lassen …

    a) … und weiterhin im Futterhaus Futter anbieten? Wenn ja: Bis wann?

    b) … und Fütterung einstellen, damit der Igel in Winterschlaf geht?


    Ich tendiere zu 2a. Was meint ihr?

  • pigsi007

    Approved the thread.
  • Sehr geehrter Igelfreund Harm,


    können Sie einschätzen, ob es sich bei diesem Igel um ein Jungtier (aus diesem Jahr) handelt?


    Passt in das Stachelkleid noch etwas an Gewicht rein? Sind die Flanken eingefallen oder/und gibt es eine Hungerfalte (Nacken)?


    Für ein Jungtier wäre das Gewicht o.k., für ein Alttier extrem zu wenig.


    Igel halten Winterschlaf, weil sinkende Temperaturen auch die Nahrung sinken lässt. Nun sind 10°C nicht gerade ideale Winterschlaftemperaturen für Igel - aber wenn diese Temperatur (nachts) gleichbleibend ist, funktioniert ein Winterschlaf bei Igeln auch. Nur: Müssen wir Menschen in dem Fall auch die Futterstelle komplett einstellen, weil ansonsten der Stoffwechsel beim Igel nicht zur Ruhe kommt und die Tiere dann nicht einschlafen können.


    Sie müssten also erst das Futter entziehen, dann macht der Igel Winterschlaf, nicht umgekehrt. Das sollten Sie aber spätestens dann tun, wenn die Temperatur wieder in den Keller geht.


    Wenn Ihnen das zu unsicher ist oder anschließend der Igel womöglich tabsüber kommt, um nach Futter zu suchen, würde ich die Aufnahme empfehlen. Sie könnten ja vorsichtshalber einen großen Karton und Zeitungspapier schon mal an die Seite stellen....


    Wenn noch Fragen sind, gerne wieder in diesem Forum.


    Mit freundlichen Grüßen


    Heike Philipps


    http://www.pro-igel.de

  • Hallo Heike,


    Danke für die schnelle Antwort! Ich bin kein Experte, aber ich denke, dass es sich um ein Jungtier aus diesem Jahr handelt. Die Statur wirkt nicht abgemagert, der Igel ist von den Proportionen eher „rund“, das Gewicht passt im Verhältnis zur Körpergröße, der Igel ist einfach ziemlich klein.


    Dass das Futterangebot den Winterschlaf verzögern könnte und somit kontraproduktiv sein könnte, ist mir bewusst, deshalb meine Unsicherheit.


    Mein Plan ist, die Fütterung draußen fortzusetzen, solange die Temperaturen so mild sind, und den Igel ggf. in etwa 2-3 Wochen noch einmal zu wiegen und zu kontrollieren. Risiko wäre dabei, dass überraschend ein Wintereinbruch kommt, so dass der Igel mit zu geringem Gewicht in Winterschlaf geht und ich ihn nicht mehr fangen und in Pflege nehmen kann. Ein Wintereinbruch ist bei uns im Rheinland aber eher unwahrscheinlich; in den letzten 2-3 Jahren hatten wir gar keinen echten Winter mit Eis und Schnee. Die Tage, an denen ich letztes Jahr meine Autoscheiben freikratzen musste, kann ich an zwei Händen zählen. Bei so hohen Temperaturen ist es schwierig, den richtigen Zeitpunkt für den Beginn des Winterschlafes zu entscheiden.

  • Sehr geehrter Igelfreund Harm,


    gut - dann gehen wir von einem Jungtier aus.


    Ich wohne in Ungarn, beobachte aber trotzdem sehr genau die Wetterkarte in Deutschland. Bei Winterschlaftemperaturen misst man immer dier Nachttemperatur und die ist auch im Rheinland ausreichend kühl, so dass Igel dabei schlafen können.


    Wenn man draußen JETZT Igel füttert, erreicht man nichts, außer dass man ihnen Futter hinstellt und damit den Winterschlafantritt verzögert, vielleicht sogar verhindert. Auf jeden Fall wird der Igel draußen und im Winter nicht an Gewicht zulegen, weil die ganze Energie in der Körperwärme, die er produzieren muss, verpufft.


    Die richtige Hilfe wäre:


    • entweder jetzt den Igel aufnehmen, im Karton und in warmer Umgebung (Zimmertemperatur) pflegen, entwurmen und auf ein höheres Gewicht bringen. Das bedeutet aber auch, dass der Igel im Gartenhaus, in der Garage oder unter dme Carport Winterschlaf halten wird und erst im April nächsten Jahres wieder in den Garten entlassen wird.
    • oder draußen die Fütterung einzustellen (da mit kühleren Temperaturen nicht zu rechnen ist, sonst füttern Sie im Februar noch).

    Wenn im zweiten Fall anschließend der Igel tagsüber angetroffen wird, können Sie ihn immer noch aufnehmen.


    Sicherer ist der erstere Fall. Wie Sie sich auch entscheiden - wir begleiten Sie gern bei allen offenen Fragen ,die sich noch ergeben könnten.


    Mit freundlichen Grüßen


    Heike Philipps


    http://www.pro-igel.de

  • Update: Wir haben Heikes Rat befolgt und den Igel am 17.12. in Pflege genommen. Er lebt seitdem in einem großen Karton mit angebautem Schlafhaus in einem Gästezimmer (18°C, große Fenster) in unserem Keller und wird mit einem Gemisch aus 2/3 Katzenfeuchtfutter und 1/3 Igeltrockenfutter gefüttert.


    Ich habe "Sonic", wie wir ihn getauft haben, zuletzt am 24.12. gewogen, und da wog er schon 495 g, also 70 g Gewichtszunahme in 7 Tagen. Wenn es so weitergeht, sollten wir ihn in ca. 2 Wochen soweit aufgepäppelt haben, dass wir ihn in den Winterschlaf schicken können. Sonic wirkt weiterhin gesund, hustet oder schnupft nicht und sein Kot ist auch unauffällig. Er hat äußerlich sichtbar ein paar Flöhe, aber das ist ja wohl normal?!


    Fragen:

    1. Kann ein Igel sich "überfressen"? Oder kann ich bedenkenlos immer Futter auffüllen, wenn es leergefressen ist?
    2. Per Überwachungskamera konnte ich beobachten, wie der Igel sich ausgiebig (5-10 Minuten lang) geputzt und gekratzt hat. Ist ein solches Verhalten normal oder ein Zeichen von übermäßigem Befall mit Außenparasiten o.ä.?
    3. Welches Mittel gegen Flöhe und Zecken empfehlt ihr? Frontline Spray?
    4. Wie wichtig ist die Entwurmung bei einem Igel, der äußerlich gesund wirkt? Ich habe bisher nichts gemacht.
  • Lieber Igelfinder Harm,


    uiiiiiiiiiiiih, die Flöhe werden sich ganz sicher vermehrt haben - da muss ganz schnell etwas passieren. Frontline-Spray geht (bitte: weniger ist mehr, nicht zuviel davon!!! Maximal 2 Pumpstöße und dabei das Gesicht mit der anderen Hand zuhalten) und auf keinen Fall Spot-On-Präparate.


    Es ist nicht die Norm, dass sich ein Igel immerzu kratzt. Das muss auch nicht sein.


    Ein Igel frisst entsprechend seiner winzigen Größe verhältnismäßig viel, es darf vielleicht an Futter gern etwas mehr sein und Sie sollten dem Futter ein hochwertiges Öl zufügen (z.B. Olivenöl, Kokosöl, Maiskeimöl), das industrielle Igeltrockenfutter weglassen (wenn es aufgebraucht ist)- und dafür Weizenkleie nehmen, gern auch mal ein gestocktes (erkaltetes) Rührei/und oder Rindertartar in der Pfanne gestockt (auch abgekühlt bitte).


    Eigentlich kann sich der Igel nicht überfressen, hungern sollte er aber auch nicht. Wenn er pro Tag 15-30g an Gewicht zulegt, ist es völlig im grünen Bereich - nur sollte die Obergrenze 650-700g sein und dann ab ins Kalte, damit der Igel noch Winterschlaf machen kann. (Igel brauchen diese Auszeit! Und wenn es nur 6 Wochen sind).


    Wenn Sie gar nicht entwurmen und der Igel momentan (noch) nicht hustet oder rasselt und der Kot normal aussieht, kann es sein, dass Sie kurz vor dem Winterschlafantritt eine "Überraschung" im Karton haben: Grüner Kot oder einen hustenden Igel. Wenn Sie dann anfangen mit einer Entwurmung, dauert das mindestens 10-14 Tage, danach müssen die Medikamente noch 7 Tage verstoffwechselt werden. Dann wird der Igel zu schwer! Eine Entwurmung sollte immer während der Warmraumpflegezeit durchgeführt werden. Gibt es denn überhaupt ein Kotuntersuchungsergebnis? Wenn nicht, wäre es schon besser, im neuen Jahr über 3 Tage die Würstchen zu sammeln und über eine Tierarztpraxis ins Labor schicken zu lassen. Dann sind Sie auf der sicheren Seite und mit etwas über 500g ist der Igel auf keinen Fall zu schwer.


    Wenn noch Fragen sind, melden Sie sich gerne wieder.


    Mit freundlichen Grüßen


    Heike Philipps


    http://www.pro-igel.de

  • Danke noch mal für die Tipps zur Fütterung, die ich nach Möglichkeit beherzigen werde.


    Beim Tierarzt war ich noch nicht; das wäre wegen der Weihnachtsferien bisher auch etwas schwierig gewesen. Ehrlich gesagt scheue ich ein wenig den Aufwand und die Kosten. Wenn es wirklich nötig ist, bin ich dazu bereit, aber da der Igel auf mich nicht krank wirkt, habe ich bisher keine dringende Notwendigkeit gesehen.


    Das mit dem Kratzen habe ich so extrem nur 1x beobachtet; als ich Sonic mal untersucht habe, konnte ich wie gesagt nur wenige Flöhe erkennen.

    Frontline-Spray und auch Flubenol-Paste habe ich aber bestellt, und ich werde die Mittel mit gebührender Vorsicht anwenden, sobald sie in Kürze geliefert sind. Ich habe mehrere Anleitungen speziell für Igel dazu gefunden. Wegen weiterer Medikamente (Praziquantel, Cotrimoxazol, ...) werde ich schauen.

  • Sehr geehrter Igelfreund Harm,


    es ist oberwichtig, dass Flöhe rechtzeitig dezimiert und ganz entfernt werden, sonst hat man als Mensch und natürlich auch das Tier später ein dickes Problem. Flohbisse sind auch bei Menschen nicht angenehm.


    Sie schrieben, dass der Igel im Keller bei 18°C ist, wenn die Box oder der Karton auf dem Boden stehen, ist es da mit Sicherheit kälter (messen Sie da mal die Temperatur). Wäre gut, diesen Karton erhöht zu positionieren oder aber eine Styroporplatte oder anderes Dämm-Material unter den Karton oder die Box legen. Wir haben bald Januar, Wildtiere spüren durchaus, dass draußen Winter ist - irgendwann wird das Tier schlafen wollen, da ist dann leider nichts mehr zu manipulieren, es wird nicht lange funktionieren.


    Wenn kein Kotuntersuchungsergebnis vorliegt, wäre auf jeden Fall eine Standardmedikation gegen Parasiten empfehlenswert.


    Wenn also die Flubenol-Paste kommt, sollten Sie keine Zeit mehr verlieren und die Medikation zeitnah beginnen, die ohnehin 5 Tage dauert. Flubenol schmeckt übrigens nicht gut, deshalb die Tagesdosis an Paste in zunächst wenig Futter mischen - erst wenn alles aufgenommen ist, gibt es Nachschlag. Während dieser Zeit lässt manchmal der Appetit des Igels zu wünschen übrig, das ist normal. Der Kot wird sich vermutlich in der Konsistenz verändern - auch das ist im grünen Bereich und zeigt Reaktion. Dementsprechend kann auch das Gewicht während der Medikation stagnieren oder sogar heruntergehen. Die Hauptsache ist, dass der Igel - wenn auch wenig - frisst und dass die Medikation zu 100 % ankommt.


    Praziquantel und Cotrimoxacol sind verschreibungspflichtig - das wird ohne Mitwirkung einer Tierarztpraxis nicht gehen. Nach Flubenol sollten Sie auch gleich diese beiden Präparate verabreichen, alles schön nacheinander. Dann haben Sie schon einiges bis auf die Lungenwurmbehandlung abgedeckt.


    Die Medikation sollte jetzt zügig durchgezogen werden, damit


    1. der Igel nicht zu schwer wird (was nicht bedeuten muss, dass der Igel jetzt auf halbe Kost gesetzt wird, wenn ein Igel warm steht, muss er auch satt werden dürfen, also gern Nachschlag geben, wenn der Teller leer ist)

    2. das Tier noch Winterschlaf halten kann - das sollte spätestens Anfang Februar ermöglicht werden


    Wie ist denn jetzt das aktuelle Gewicht?


    Seien Sie versichert, dass wir Sie gern bei der Pflege Ihres stacheligen Untermieters begleiten, deshalb sollten wir vielleicht öfter kommunizieren. Fragen Sie lieber einmal öfter als zu wenig. Igel sind durchaus keine einfachen Patienten.


    Bedenken Sie: Es werden auch - leider - Falschinformationen gestreut und damit auch möglicherweise dem Tier schadende Empfehlungen, was die Pflege von Igeln angeht, verbreitet. Es macht wenig Sinn, alle möglichen Informationen zusammen zu suchen und die für einen bequemste und einfachste Vorgehensweise zu praktizieren - es kann nur EIN Weg richtig sein, den man konsequent verfolgen muss...der ist leider nicht immer der einfachste.


    Mit freundlichen Grüßen


    Heike Philipps


    http://www.pro-igel.de

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