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Tuesday, March 9th 2010, 9:17pm

Hinkender Igel bzw. Stechschritt

Hallo an die Profis,

vor ca 3 Wochen viel mir auf,dass einer meiner freilebenden Igel seltsam läuft. Ich kenne den Igelbuben, ist einer meiner Handaufzuchten vom September, der im Oktober bei uns im Garten ausgewildert wurde. Ich stelle hier mal einen Link zu Youtube rein, wir haben davon ein kurzes Video aufgenommen. Diese Problem ist schon mehrfach im Igeljournal erwähnt worden, leider handelt es sich da nur um Vermutungen (wie Hirntumor oder Entzündung im Hirn) und es gibt auch keine genauen Ansätze zu Therapiemöglichkeiten. Eine Verletzung schließe ich absolut aus, ich habe den Igel genau abgetastet und die Art der Bewegungsstörung läßt auch nicht auf eine Verletzung schließen. Der Igel hat über mehrere Tage Vit.B. Komplex bekommen, nachdem das nichts brachte ein hirngängiges Antibiotikum, leider auch ohne Erfolg.

http://www.youtube.com/watch?v=jOqbcWKywlQ

Kennt das jemand, bzw. gibt es neue Ansätze zu Ursache und Therapie? So selten scheint das nicht zu sein, da es schon mehrfach im Igeljournal erwähnt wurde. Ingrid hat gerade auch ein Igelmädchen, dass diese Symptomatik, noch stärker ausgeprägt, an beiden Vorderbeinen hat. Sie hat Baytril gegeben, auch ohne Erfolg.

herzliche Grüße,
Winnie

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Wednesday, March 10th 2010, 5:36pm

Hinkender Igel

Hallo Winnie!

Das Phänomens ist bekannt, aber es gibt leider noch keine
aktuellen wissenschaftlichen Untersuchungen hierzu, die wir kennen. Da wir pernanent wissenschaftliche Fachliteratur recherchieren und sammeln, liegt uns das Meiste gewiss vor.

Man kann momentan also wirklich nur jeden Einzelfall betrachten und zusammen mit dem sachkundigen Tierarzt zu helfen versuchen.
Solange eine bakterielle Infektion nicht gesichert ist, scheint mir - aus der Ferne betrachtet - eine Behandung mit Antibiotika "auf Verdacht" nicht unbedingt einleuchtend. Man könnte ja auch Resistenzen erzeugen, die grundsätzlich unerwünscht sind. Andererseits leuchtet es zweifelsfrei ein, dass man alles versuchen möchte, um dem Tier zu helfen und dann von bekannten Erkrankungen und deren Therapie bei anderen Tieren auf den Igel schließt. Jegliche medikamentöse Igeltherapie gründet ja sowieso auf Umwidmung der Wirkstoffe... Nebenwirkungen von Gyrasehemmern wie Baytril auf das Wachstum junger Säugetiere sind bekannt, aber beim Igel ebenfalls unerforscht, auch dieses Wissen gestattet also keine vorschnellen Schlüsse. Der Einsatz von Vitamin-B-Komplex war sicher richtig, denn die beschriebenden Symptome sind ja "Lähmungen" sinnverwandt, bei denen man egal welcher Ursache entsprechend vorgeht.

So oder so, wir wissen zu wenig! Das Phänomen kann die Folge "nur" eines Traumas sein, genauso wie etwas anderes, ärgeres. Die Vermutung einer entzündlichen Erkrankung der Wirbelsäule, des Rückenmarks und des zentralen und peripheren Nervensystems ist nicht auszuschließen, jedoch ist dies wissenschaftlich beim Igel bis heute noch nicht erforscht. Es gibt Untersuchungen an Rindern und Hunden, das sind zwar ebenfalls Säugetiere, aber beide als Pflanzen- bzw. Fleischfressern ansonsten nicht gerade biologisch nahe Verwandte des Insektenfressers Igels.

Fazit: Mutmaßungen helfen hier letztendlich dem Igel nicht weiter. Daher unsere Bitte: Dokumentieren Sie - und alle Leser dieses Forums und Igelpfleger, die ihnen bekannt sind - derartige Fälle ganz genau und leiten die Unterlagen per Briefpost an Pro Igel weiter. Mit vorliegendem Material könnten wir eine wissenschaftliche Untersuchung zum Wohl der Igel anstoßen.

Es tut mir Leid, dass ich Ihnen für Ihren Pflegling nicht mehr sagen und Sie hilfreich unterstützen kann, aber als Nicht-Tierärztin maße ich mir nicht an, Ratschläge zu erteilen, wo man einfach noch zu wenig weiß. Ihr bisheriger Weg scheint mir allerdings richtig. Halten Sie uns doch auf dem Laufenden. Vielleicht rufen Sie einmal die Autorin des "Igel in der Tierarztpraxis" an 08382/6372, sie ist mit Igelpatienten sehr erfahren.

Alles Gute für den Igel wünscht
Ulli Seewald







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Saturday, March 13th 2010, 8:41am

Liebe Frau Seewald,

vielen Dank für ihre sehr aussführliche Antwort. Ich hatte schon befürchtet, dass es zu dieser Symptomatik noch keine neuen Erkenntnisse gibt. Das AB wurde nach Konsultation unserer TÄ gegeben, sicherlich auf Verdacht, aber wie Sie schon sagten, wir können beim Igel oft nur versuchen Rückschlüsse aus den Erfahrungen mit anderen Tierarten zu ziehen. Es war ein Versuch, leider ohne Erfolg.

Ein Trauma kann ich mit fast hundertprozentiger Sicherheit ausschließen. Er war zwar in Freiheit, ist aber in den letzten Wochen nur die Strecke von 2m zwischen Schlaf- und Futterhaus gependelt. Auffällig war, dass er sich trotz gutem Gewicht, erst im Januar und nur durch Futterentzug in den Winterschlaf begeben hat. Nach 3 Wochen war er wieder wach und kam trotz starker Minustemperaturen wieder jede Nacht ins Futterhaus. Vielleicht auch ein Zeichen, dass etwas nicht stimmt, vielleich hat es aber auch nichts mit diesem Phänomen zu tun. Ingrid kann ein Trauma auch absolut ausschließen, die Symptome sind aufgetreten, während der Igel sich in ihrer Obhut in der Wohnung befand.

Die Leiterin einer großen Igelstation in meiner Nähe (die Sie sicherlich kennen werden - Frau Sw...), hat mir letztes Jahr berichtet, dass sie die gelenkschädigenden Auswirkungen von Baytril bei Jungtieren beobachten konnte. Die anhaltenden (wahrscheinlich irreversiblen) Bewegunsstörungen traten einige Zeit nach Baytrilgabe auf. Seither behandelt sie nur noch ausgewachsene Tiere mit diesem Medikament. Da mir diese Nebenwirkung bei jungen Hunden bekannt war, habe ich es bei jungen Igeln nur im Notfall, bzw. wenn die Tiere bereits damit anbehandelt waren als sie mir gebracht wurden, gegeben. Bei meinem hinkenden Igel kann also auch ausgeschlossen werden, dass die Bewegungsstörung durch Gyrasehemmer verursacht wurde.

Wie Sie vorgeschlagen haben, werden Ingrid und ich den Verlauf dokumentieren und an Pro Igel schicken. Hoffentlich läßt sich die Ursache für dieses Phänomen bald finden.

Da der Igel hier im Haus sehr unruhig wurde und es ihm sonst gut ging habe ich in wieder in unseren Garten gelassen. Über die Kamera konnte ich ihn noch 4 Nächte beobachten und hatte den Eindruck, dass sich die Symptome etwas verstärkt haben - er zog das Bein beim Laufen noch weiter hoch. Evtl. tut die Kälte nicht gut. Gerade an dem Abend an dem ich mich entschlossen hatte ihn wieder rein zu holen, tauchte er nicht mehr auf und ich vermute, dass die Minusgrade ihn nun doch nochmal in den Winterschlaf getrieben haben. Nun muß ich warten bis er wieder wach ist.

Die Tierärztin werde ich in den nächsten Tagen mal anrufen, vielleicht hat sie ja wirklich schon Erfahrungen damit gesammelt und kann uns weiterhelfen.

vielen Dank für Ihre Hilfe und herzliche Grüße,
Winnie

This post has been edited 1 times, last edit by "winnie" (Mar 13th 2010, 8:53am)