You are not logged in.

1

Tuesday, July 1st 2014, 8:22pm

nächtliches Drama

Am gestrigen späten Abend hörten wir Rascheln und Schnaufen direkt vor unsererTerrassentür. - Derlei Geräusche sind an sich nichts Neues für uns, wir haben seit Jahren regelmäßig Igel im Garten. Ungewöhnlich war, dass dieses Geräusch gut 20 Minuten lang andauerte und sich währenddessen auch die Position der Geräuschquelle nicht veränderte.

Als wir schließlich nachschauten, entdeckten wir nicht nur einen, sondern gleich zwei Igel, dicht an dicht, unter unseren Rhododendronbüschen. - Das Rhododendronbeet ist 30 cm erhöht und durch eine Trockenmauer eingefasst, wodurch man vom angrenzenden Plattenweg gut unter die Büsche schauen kann.

Das grelle Licht der Lampe schien die beiden Igel überhaupt nicht zu stören.

Der etwas kleinere Igel veränderte seinen Standort kaum, er erzeugte immer wieder Geräusche, die ich als eine Mischung aus Schnaufen und Fauchen beschreiben würde. Der zweite Igel war ein ausgesprochen großes Exemplar. Er führte auf einem Areal von ca. einem halben Quadratmeter Drehungen und Wendungen aus und kam dabei immer wieder auf den kleineren Artgenossen zu, ab und zu ließ er ein brummendes Knurren hören.

Wir beobachteten dieses Verhalten etwa eine Viertelstunde lang, ohne zu verstehen, was hier vor sich ging.

Immer wenn der größere Igel bei seinen Drehungen und Wendungen dem kleineren zu nahe kam, führte der kleinere Igel ein regelrechte Rammstöße gegen ihn aus. Diese Rammstöße waren zum Teil so vehement, dass sich der größere Igel sekundenlang einrollte. Dadurch gelang es dem kleineren Igel innerhalb einer Viertelstunde zwei Mal, den größeren Kontrahenten durch weiteres Stoßen und Schieben an den Rand des leicht geneigten Beetes zu rollen und hinunter auf den 30 cm tieferen Gehweg zu stoßen. Beide Male war der größere Igel kurz darauf wieder zurück und die Auseinandersetzung ging weiter wie zuvor beschrieben.

Schließlich entdeckten wir, dass der größere Igel, als er zum zweiten Mal wieder an den Ort des Geschehens zurückgekehrt war, zu fressen begann. Bei genauem Hinsehen erkannten wir, dass es sich bei der Mahlzeit des großen Igels um ein Igeljunges in der Größe eines Männerdaumens handelte. Der hintere Teil war bereits bis zum Brustkorb verzehrt.

Nun verstanden wir, dass der kleinere Igel nicht ohne Grund seine Position nicht verändert hatte: Es war ein Weibchen, das den Eingang zu seinem Nest und die noch darin befindlichen Jungigel gegen einen sehr beharrlichen kannibalischen Artgenossen verteidigte! Das hervorragend getarnte Nest erkannten wir erst jetzt.

Man sollte sich vor falschen Sentimentalitäten hüten und der Natur ihren Lauf lassen – ich brachte das aber hier nicht übers Herz: Ich arretierte den kannibalischen Igel in einer Transportbox, packte diese ins Auto und entließ den kleinen Häftling dann etwa 5 Kilometer vom Ort des Dramas entfernt in einem naturnahen Wiesengelände in die Verbannung.

Nun meine Frage:

Igel sind als ortstreu bekannt:
Ist anzunehmen, dass der kleine Kannibale die 5 Kilometer Distanz überwindet und wieder in unseren Garten bzw. an den „Tatort“ zurückkehrt?

Danke für Ihre Mühe!

Mit freundlichen Grüßen
Renardo

2

Wednesday, July 2nd 2014, 2:48pm

Hallo Renardo
Was Sie beobachtet haben, ist grauenvoll u. so nicht bekannt bei Igeln
Da wir uns sehr bald von Pro Igel aus treffen, werde ich Ihren Bericht ausdrucken u. mit Fachleuten besprechen

Meine Gedanken gehen ím die Richtung, daß eine Igelmutter am Nest gestört wurde u daraufhin begonnen hat , ihre Kleinen zu fressen. Das ist relativ häufig , gerade wenn die Kleinen noch extrem jung sind
Ich befürchte, daß Sie mit dem großen Igel das Muttertier verschleppt haben u. möglicherweise noch unversorgte Kleine im Nest liegen
Da ist nachschaun dringend angesagt - aber extrem vorsichtig u. nur am späten Abend, wenn in der Regel die Mama zur Futteraufnahme das Nest verlassen hat. Keine Sorge, ein fremder Geruch stört die Igel kaum.

Wenn Sie das Tier so weit weggebracht haben, dann wird es nicht zurück kommen - aber war es wirklich ein Igelmann?
Ich habe da meine Zweifel u. erste Reaktionen aus dem Vorstand von Pro Igel e.V: äußern die gleichen Bedenken wie ich.

Zwar sind Igelinnen in der Regel kleiner als Männchen, aber das ist zur Unterscheidung von Geschlechtern ein schlechter Ratgeben
Es gibt große u. kleine Männer wie auch Frauen.

Sie könnten ein Muttertier entführt haben.

Normalerweise ist ein Igelkarussell - also Werbung und Begattung mit so einer Geräuschkulisse verbunden.
Von Kanibalischen Igeln ist mir nichts bekannt außer s. o.

Sobald ich zurück bin u. von Anderen Igelstationen eine Stellungnahme habe, werde ich Sie wieder kontaktieren
Mit freundlichem Gruß
Karin Oehl

This post has been edited 1 times, last edit by "Karin Oehl - Pro Igel e.V." (Jul 2nd 2014, 4:40pm)


3

Wednesday, July 2nd 2014, 9:07pm

Hallo Frau Öehl;

"Meine Gedanken gehen ím die Richtung, daß eine Igelmutter am Nest gestört wurde u daraufhin begonnen hat , ihre Kleinen zu fressen."
Eine Störung der Igelmutter am Nest durch Menschen oder Haustiere ist gänzlich ausgeschlossen. Vor diesem Vorfall hat sich über einen Zeitraum von über 12 Stunden definitiv kein Mensch dem Nest genähert; Haustiere, die eine Störung herbeigeführt haben könnten, besitzen wir nicht.

"Ich befürchte, daß Sie mit dem großen Igel das Muttertier verschleppt haben u. möglicherweise noch unversorgte Kleine im Nest liegen."
Woraus schließen Sie das??
Ich hatte ausgeführt, dass der kleinere Igel seine Position während des gesamten Geschehens nur sehr wenig veränderte. Dies interpretiere ich im Nachhinein so, dass dieser kleinere Igel den Eingang zu seinem Nest verteidigte. Dafür spricht auch, dass der kleinere Igel - nachdem ich seinen Kontrahenten "arrestiert" hatte - an Ort und Stelle verblieb und sich rückwärts in einen unmittelbar daneben befindlichen Laubhaufen schob, von dem ich annehme, dass es sich um das Igelnest handelt.
Bei einer vorsichtigen Nachkontrolle eine Stunde sowie 8 Stunden später ragte noch immer die Nase des Igels an gleicher Stelle aus dem Laubhaufen. Dies nehme ich als Hinweis darauf, dass der kleinere Igel das Muttertier war, das nun wieder seine schützende Position im Nest eingenommen hatte.

"Wenn Sie das Tier so weit weggebracht haben, dann wird es nicht zurück kommen - aber war es wirklich ein Igelmann?"
???
Ich habe in meinem Schreiben an keiner Stelle geäußert, dass es sich bei dem größeren Igel um einen "Igelmann" gehandelt habe. Das wäre eine zu gewagte Hypothese!

"Zwar sind Igelinnen in der Regel kleiner als Männchen, aber das ist zur Unterscheidung von Geschlechtern ein schlechter Ratgeber. Es gibt große u. kleine Männer wie auch Frauen."
Eben! (Siehe oben.)

"Sie könnten ein Muttertier entführt haben."
Was führt Sie zu dieser Vermutung?
Ich denke, das ich diese Möglichkeit ausschließen kann: Das von mir in meinem letzten Posting beschriebene Verhalten der beiden Igel schließt eine solche Möglichkeit m. E. aus.
Sinn macht das beschriebene Verhalten der beiden Igel nach meiner Ansicht nur, wenn man den kleineren Igel (der, wie beschrieben, seine Position kaum veränderte) als Muttertier in Verteidigungsposition annimmt und den größeren Igel als (männlichen oder weiblichen) Angreifer, der das fremde Nest als Nahrungsquelle für sich entdeckt hatte.
(Es mag uns Menschen "grauenvoll" erscheinen, aber für einen Igel sind fremde Jungtiere - egal ob Mäuse oder der eigenen Art - aber wohl eine interessante Proteinquelle.)
Für meine Interpretation der Geschehnisse in meinem Garten spricht auch, dass der kleinere der beiden Igel (wie oben beschrieben) sich rückwärts in den Laubhaufen begab, der sich nur eine Handbreit neben dem Ort des Dramas befand bzw. befindet. Dies führt mich zu dem Schluss, dass der kleinere Igel das Muttertier ist. - Wie lässt sich dieses Verhalten des kleineren Igels sonst erklären??


Anbei noch zwei Fotos, die das Geschehen dokumentieren:

Das erste Foto zeigt links den größeren Igel beim Verzehr des Jungigels, im Hintergrund rechts sieht man den kleineren Igel direkt vor dem Laubhaufen bzw. dem mutmaßlichen Nest.

Das zweite Foto zeigt den kleineren Igel kurz nach dem Entfernen des großen Igels. Man erkennt deutlich, dass er sich in den Laubhaufen zurückgezogen hat - nur der Kopf ist noch teilweise zu sehen. In dieser Position verblieb der kleinere Igel während der nächsten acht Stunden.

Mit freundlichen Grüßen
Renardo
Renardo has attached the following images:
  • Igel300614-01.JPG
  • Igel300614-02.JPG

4

Thursday, July 3rd 2014, 7:19am

Hallo Renardo
Das alles ist schon mehr als merkwürdig u. wie ich schon schrieb, ich werde es auf dem Treffen von Pro Igel e.V: - auch die jetzt gezeigten Bilder - mit Fachleuten besprechen.

Es ist bekannt, daß Igelmütter, wenn sie kurz nach der Geburt ihrer Jungen gestört werden, bes. wenn es sich um noch unerfahrene Mütter handelt, schon mal ihre Jungen auffressen - das weiß ich leider auch hier aus leidvoller Erfahrung.

Da man es auf dem Bild nicht klar erkennen kann - kann es ggf sein, daß das, was gefressen wurde, ein Mäuslein war u. sich dort zwei Igel um diese Beute gestritten haben? Igel fressen schon mal Nestjunge Mäuse, wenn sie an ein Mausenest rankommen.

Sie schreiben, es fand keine Störung statt.
Haben Sie mal am vermeintlichen Nest gehorcht u. ggf. ein leises Zwitschern u. Fiepen gehört, das auf Jungigel schließen läßt?

In dieser Zeit ist es immer problematisch, einen Igel vom Standort zu versetzen - Zu leicht erwischt man ein Mütterchen u. das Nest ist dann verloren.
Das von Ihnen beobachtete Verhalten läßt nicht unbedingt den Schluss zu, daß das von Ihnen als agressiv beobachtete Tier nicht doch ein Weibchen oder eine Mutter war, darum ist das so weit wegbringen nicht unproblematisch.
Daß sie die Kampfhähne getrennt haben, war sicher nicht falsch, das weit wegbringen des Tieres ist leider so wohl nicht besonders gut gewesen.

Igel haben normalerweise kein Revierverhalten, das heißt, wenn ein Lebensraum gut ist, teilen sich häufiger mehrere Igel diesen Lebensraum. Agressives Verhalten gegeneinander ist nur bekannt , wenn Igel auf zu engem Raum aufeinander treffen oder gehalten werden. Rangeleien gibt es schon mal an Futterplätzen.

Von so einem Kanibalismus, wie Sie es beschreiben , ist m. W. nichts bekannt.

Dennoch - ich werde diese mysteriöse Sache in Laatzen zur Sprache bringen u. melde mich wieder.
bis dahin bitte ich Sie , sehr genau die Stelle im Auge zubehalten - möglichst ohne zu stören u. wieder zu berichten, was sich weiter dort ergeben hat.
Danke
Mit freundlichem Gruß
Karin Oehl

5

Thursday, July 3rd 2014, 12:36pm

Renardo hat inzwischen von mir eine PN mit der Nachricht von Frau Neumeier - wohl DER Igelfrau in Deutschland bekommen.
Hochinteressant,
Ich setze es mal in Igelstationen
Karin Oehl

Similar threads